Mit Verwundbarkeit zur Stärke

1988

Über der Stadt hat sich tiefe Dunkelheit gelegt. Alles ist still. Meine Wahrnehmung verschärft sich. Es ist als würde etwas die Kontrolle über mich einnehmen wollen. Es fühlt sich an als hätte ich etwas grosses Unsichtbares im Mund, was meinen Kopf von innen heraus dehnt und gleich platzen lassen wird. Und dann überfällt mich eine Welle der Angst. «Mamaaaa…!»
Ich bin endlich aufgewacht, doch der Alptraum hört nicht auf. Ich habe immer noch das Gefühl, als schwillt mein Kopf immer weiter an. Meine Mutter ist blitzschnell bei mir, doch jeder Versuch mich zu beruhigen scheitert. Dieses Etwas ist immer noch in meinem Mund. Ich will das nicht, es macht mir solche Angst. Was ist es…?

Ein paar Nächte später wache ich erneut panisch schreiend und weinend auf. Dieses Mal ist etwas anders. Dies Mal ist es so, als würde dieses Etwas meinen Kopf zerdrücken wollen. In Wirklichkeit ist da gar nichts, doch trotzdem scheint mein Kopf irgendwie immer fester in einer Art von Schraubstock gepresst zu werden. Auch heute Nacht sitzt meine Mutter an meiner Seite und versucht mich zu beruhigen, bis ich irgendwann weinend wieder eingeschlafen bin.

Hört denn das nicht mehr auf? In der nächsten Nacht habe ich wieder einen dieser Alpträume. Aber heute bewegt sich alles in Lichtgeschwindigkeit. Es macht mir grosse Angst, denn in meiner Wahrnehmung erfolgt jede meiner Bewegungen ebenfalls in Lichtgeschwindigkeit. Das veranlasst mich dazu, mich sehr langsam und konzentriert zu bewegen. Aber es nützt nicht das geringste. Es erfordert wieder die Unterstützung meiner Mutter die mich liebevoll beruhigt und in den Schlaf begleitet.

Es ist wieder Nacht, ich wache auf. Wieder erfasst mich eine Welle der Panik. Denn heute scheint es so, als würde sich die ganze Welt in Zeitlupe bewegen. Und egal wie schnell meine Bewegungen in Wirklichkeit sind, sie sind nicht schnell genug. Etwas bremst die Welt aus. Und auch wenn ich wieder wach bin, diese Art der Wahrnehmung hält weiter an. Meine Mutter spricht wieder mit mir, beruhigt mich bis ich schlafe. Ihre Erklärung für diese Ereignisse ist: «Es ist nur ein Traum.» Für mich fühlt es sich aber nicht so an. Wie kann ich denn träumen, wenn ich wach bin? Das muss echt sein.

2015

Die Kinder schlafen schon seit Stunden in ihren warmen Betten. Mein Mann ist bei der Arbeit. Ich habe mich soeben auch ins Bett gelegt. In der Wohnung ist kein Geräusch zu hören. Es ist alles wie so viele andere Abende in dieser Zeit. Tief in meine eigenen Gedanken versunken schliesse ich die Augen. Und gerade als ich einschlafen sollte, ist dieses Etwas in meinem Mund wieder da. Und dieses Mal wechseln sich die Wahrnehmungen im Zehnsekundentakt ab. Heute bin ich erwachsen, doch etwas solch Befremdliches wirkt immer noch sehr einschüchternd auf mich. Die nächste Panikattacke bahnt sich an. Mein Herz rast. Mein Körper fühlt sich plötzlich zu eng an und von der Wohnung will ich gar nicht erst sprechen. Ich weiss nicht wie ich mich beruhigen soll. Dieses Mal ist niemand da, der mir dabei hilft. Und all die Bilder aus der Kindheit kommen erneut hoch, als wäre keine einzige Sekunde vergangen. Ich bin wieder fünf Jahre alt. Irgendwie schaffe ich es trotz der Panik und all diesen beängstigenden Eindrücken aufzustehen. Und auch die Angst vor der Dunkelheit überwinde ich heute mit sehr viel Mühe. In solchen Momenten fühle ich so vieles, es ist als wäre hier noch jemand obwohl ich ganz alleine mit den Kindern bin. Aber ich brauche Licht. Heute scheint unser offener Wohnbereich sehr viel dunkler zu sein als sonst. Doch ich brauche Licht! Ich brauche Licht um mich zu beruhigen. Der Weg zum nächsten Lichtschalter fühlt sich an wie eine kleine Weltreise. Ich habe es geschafft. Klick! Das Licht füllt blitzschnell den gesamten Raum aus. Und wie ein aufgescheuchtes Tier, eile ich in den Wohnräumen umher. «Küche…! wo ist die Küche…!? Ich brauche Wasser.» Nach einem Glas kühlen Wassers, das ich gierig in meinen zitternden Händen haltend, herunterkippe und einigen Minuten Bewegung ist die Panikattacke überstanden. Ich setze mich noch für eine Weile auf den Balkon und weine. Lange Zeit habe ich nicht an diese Alpträume gedacht. In meiner Kindheit waren sie so real, sie waren so lange Zeit meine Wirklichkeit. Ich weiss zwar nicht mehr wann es aufgehört hatte, aber jetzt scheinen sie sich wieder aktiviert zu haben. Was ist es? Und noch viel wichtiger… Wie kann ich es wieder loswerden? Weil mir so viel Unsinn, aber keine rationalen Erklärungen dafür in den Sinn kommen, entschliesse ich mich einen neuen Schlafversuch zu starten und lege mich wieder ins Bett.

2018

Ich sitze auf einem dunklen Holzstuhl, unter mir ein weiches graues Kissen. Die Querstreben des Holzstuhls drücken mir bei längerem Sitzen schmerzend in die Wirbelsäule, also habe ich auch hinter meinen Rücken ein dünnes Kissen platziert. Aus meinen Kopfhörern erklingt leise eine wundervolle, ruhige Klaviermusik. Nach wenigen Momenten beginnt eine sehr vertraute männliche Stimme das Gespräch mit mir. Er leitet mich in der Meditation an, in welcher ich jetzt meine volle Verwundbarkeit aktivieren werde. Schon etwas vorangeschritten, immer noch in Begleitung der schönen Klavierklänge und der bestimmten und liebevollen Stimme, stehe ich nun in einem Palast. Den Palast sah ich von aussen nicht, sondern stand gleich in einer Art zentralen Halle wo sich sehr viele Türen um mich herum im Kreis aufgereiht befinden. Es ist ein Symbol für mich und meine Offenheit gegenüber der Aussenwelt. Sehr viele von den Türen sind bereits offen, was mich nicht wirklich verwundert, denn ich war schon früher sehr offen und habe seit einiger Zeit wieder diese Offenheit zurückerlangt. Dennoch gibt es noch immer verschlossene Türen hinter denen ich mich nicht heraus traue. Ein kleines Etwas, was aussieht wie eine Mischung aus Tweety und einem Hamster, fliegt im Kreis um meinen Kopf herum, immer höher und verschwindet irgendwann in der Höhe dieser riesigen Halle. In diesem Moment beginnt erneut, das beängstigende Gefühl der Alpträume mich einzunehmen. Dieses Mal scheint aber alles gleichzeitig zu geschehen. Mein Kopf wird gedehnt dann gedrückt. Die Bewegungen sind gleichzeitig Blitzschnell und doch in Zeitlupe. Ich bin gross wie ein Riese und gleichzeitig klein wie eine Maus. Ich entscheide mich im Beobachtungsmodus zu bleiben und lasse es mit mir geschehen, auch wenn ich es immer noch nicht geschafft habe das alles zu verstehen. Jetzt zählt er bis zehn. Bei der zehn angelangt, sprenge ich alle diese Türen und ein starker Wind setzt in der Halle ein. Dadurch, dass die Türen um mich herum im Kreis aufgereiht und nun alle offen sind, verwandelt sich dieser Wind in einen Wirbelsturm. Doch jetzt habe ich keine Angst. Die Halle die mich verkörpert, wird gereinigt und gelüftet. Ein unglaublich befreiendes Gefühl setzt plötzlich ein als sich der Wind nun um mich herum sammelt, immer noch in der Kreisbewegung und Geschwindigkeit eines Wirbelsturms. Wie ein auf dem Kopf stehender Trichter, zieht es die Luft um mich herum spiralförmig hoch ins Universum. Im Auge dieses von enormer Kraft geladenen Sturms stehend, geniesse ich die starke Verbindung zum Höheren Selbst. Einfach Traumhaft.

Bis heute konnte ich diese sehr realen Alpträume nicht vergessen. Sie hatten mich jahrelang in der Kindheit begleitet. Sie haben sich im dunklsten Tief meiner Seele als Erwachsene wieder aktiviert und mich erneut regelmässig besucht. Auch wenn ich innerlich schon längst wieder ausgeglichen bin, sind diese Traumüberfälle heute vorwiegend im Wachzustand noch sehr selten da. Bis letztes Jahr war es jedoch jedes Mal fast identisch wie damals, als ich fünf Jahre alt war. Einen Unterschied gibt es dennoch. Heute weiss ich selbst wie ich damit umgehen soll, auch wenn ich es bisher nicht verstand. Heute beherrscht mich die Angst nicht mehr wenn dies geschieht. Es wirkt wie ein Wegweiser zum bewussten Umgang mit meiner Energie. Zudem finde ich es äusserst spannend dies zu beobachten und behalte so die Kontrolle über die Situation. Dieses Erlebnis war in meinem Kopf und Herzen auch nach dreissig Jahren noch so präsent, dass ich jedes Detail davon, die Gefühle der Angst und Panik die ich als Kleinkind dabei empfand, so klar wiedergeben kann als erlebe ich es genau in dem Moment zum ersten Mal.

Eine Stunde nach der erfrischenden Meditation, mache ich mir immer noch Gedanken über den Ablauf und plötzlich fügt sich alles zusammen. Dieses erdrückt werden, dieses ausdehnen und keinen Platz haben im eigenen Kopf und Körper, die beschleunigte oder verlangsamte Wahrnehmung, mich als Riese oder winzig klein zu sehen, das alles war nicht ein Etwas was irgendwie Besitz von mir ergreifen wollte. Es war Karma. Genauer gesagt waren es die Auswirkungen von Karma und meine Machtlosigkeit. Wie alle Kinder wollte auch ich meinen Eltern, den Verwandten und Freunden gefallen, ein liebes, braves und geduldiges Kind sein. Ich wollte, dass sie glücklich sind und mich lieben. Meine Mutter musste sich einige Jahre lang fast alleine um den Alltag im Haushalt und zwei Kindern kümmern, während mein Vater entweder aufgrund seiner Krankheitsgeschichte oder der Arbeit im Ausland nicht seine volle Unterstützung einbringen konnte. Das Ganze hat die Situation zusätzlich erschwert. Und auch wenn man denkt, die Anforderungen an ein Kind wären nicht wirklich gross, für das Kind sind sie es. Das hatte sich damals mit diesen Träumen ausdrücken wollen. Denn die Parallele zwischen 1988 und 2015 sehe ich so… Ich habe so viel dafür gemacht es anderen Recht zu machen, so viel gegeben damit es allen anderen um mich herum gut geht. Doch leider hatte ich einen sehr wichtigen Menschen dabei vergessen. MICH.

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